Text/1/3.Szene
Aus Ödipedia
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JOKASTE
Herren des Landes, der Gedanke kam mir, vor die Tempel der Götter mit Kränzen und Brandopfern in den Händen zu treten.
Denn allzuschwere Last trägt Ödipus, Qualen aller Art bedrücken ihn, er beurteilt das Neue nicht wie ein besonnener Mann nach dem Alten;
Er ist für alle Worte offen, die Schrecken bringen. Mit gutem Zureden kann ich ihn nicht bewegen und so bin ich zu dir, oh Apollon gekommen, denn du bist uns der nächste, auf dass du uns von unserm Leid erlöst.
Hurz!
Denn wir alle fürchten uns, ihn, den Steuermann unseres Schiffs, betäubt vor Schreck zu sehen.
DER BOTE
Kann ich von euch, ihr Fremden, hören, wo das Haus des Herrschers ist, des Ödipus?
Am besten sagt mir, wenn ihrs wisst, wo ist er jetzt?
CHOR
Das Haus ist hier, und er ist drinnen, Fremder,
Und diese Frau ist Mutter seiner Kinder.
DER BOTE
Sie lebe glücklich unter Glücklichen, jenes Mannes reichgesegnete Gemahlin.
JOKASTE
So auch du, Fremder! Denn du bist es wert, des frommen Wunsches wegen.
Aber sage, mit welcher Bitte kommst du, welcher Nachricht?
DER BOTE
Mit Guter für dich und deinen Gatten, Frau.
JOKASTE
Was ist es? und von wem bist du gekommen?
DER BOTE
Ich komme von Korinth. Das Wort, dass ich gleich sagen werde, wird dich freuen – wie auch nicht? – aber vielleicht auch betrüben.
JOKASTE
Was ist es für eine Botschaft, die so zweideutige Kraft hat?
DER BOTE
Die Einwohner des korinthischen Landes wollen ihn dort zum König machen, hieß es.
JOKASTE
Wie? herrscht der alte Polybos nicht mehr?
DER BOTE
Nein. Er ist gestorben, liegt bereits im Grabe.
JOKASTE
Was sagst du? Polybos ist gestorben?
DER BOTE
Wenn ich nicht die Wahrheit sage, verdien ich selbst den Tod.
JOKASTE
O ihr Prophezeiungen der Götter, wo seid ihr nun? Lang hat Ödipus diesen Mann gemieden, aus Angst, dass er ihn töte. Und jetzt stirbt der durch Zufall, nicht durch ihn.
ÖDIPUS
O liebstes Weib, Jokaste!
Hast du mich aus dem Hause hergerufen?
JOKASTE
Hör diesen Mann, und erkenne dann, was aus ihnen geworden ist, den hohen, göttlichen Sehersprüchen.
ÖDIPUS
Doch wer ist dieser Mann? Was hat er mir zu sagen?
JOKASTE
Er kommet von Korinth und sagt, Polybos,
Dein Vater, lebe nicht mehr, er sei tot.
ÖDIPUS
Was sagst du, Fremder? klär mich auf!
DER BOTE
Wenn ich dies vor allen deutlich sagen soll, so wisse, er ist dahingeschieden. Tot.
ÖDIPUS
Und starb er durch List oder durch Krankheit?
DER BOTE
Ein kleiner Anlass streckt einen alten Körper hin.
ÖDIPUS
Es scheint, als starb der Alte einer Krankheit wegen?
DER BOTE
Und an des Lebens wahrlich langer Dauer.
ÖDIPUS
Wohlan! Wer sollte nun, oh Weib, die Zukunft noch von dem Orakelspruch erfragen oder sie vom Geschrei der Vögel prophezeien lassen?
Denn deren Sinn nach sollt ich meinen Vater töten, der doch ein Toter schon, begraben ist.
Und rein ist meine Lanze, kein Schwert hab ich berührt. Es sei denn, dass ihn die Sehnsucht nach mir verzehrte, so könnte er durch mich gestorben sein.
Doch jedenfalls nahm er die heutgen Sehersprüche mit sich und mit ihm liegen sie im Hades. Apollon und sie sind doch gleich nichts.
JOKASTE
Hab ich dir dies nicht längst vorausgesagt?
ÖDIPUS
Du hattest Recht. Ich war von Furcht gelähmt.
JOKASTE
Nimm dir nun nichts mehr von diesem zu Herzen.
ÖDIPUS
Was? auch der Mutter Bett soll ich nicht fürchten?
JOKASTE
Was fürchtet sich der Mensch, über den der Zufall herrscht, der keine sichere Vorahnung haben kann. Am Besten lebt er einfach so dahin.
Habe du also der Ehe mit der Mutter wegen keine Furcht! So viele Menschen haben schon im Traum der eignen Mutter beigewohnt, doch nur wer das für nichtig hält, trägt das Leben leicht.
ÖDIPUS
Schöne Worte wären dies, würde die Mutter nicht mehr leben, doch solang sie lebt,
Ist großes Leid, so schön du auch sprichst, zu fürchten.
JOKASTE
Ein großer Trost ist doch des Vaters Tod.
ÖDIPUS
Ein großer. Wahrlich! Die Lebende fürcht ich nur.
DER BOTE
Vor welcher Frau fürchtet ihr euch denn so?
ÖDIPUS
Vor Merope, Greis, der Frau des Polybos.
DER BOTE
Was ist an ihr, was euch in Furcht versetzt?
ÖDIPUS
Die Macht von göttlicher Prophezeiung, Fremder!
DER BOTE
Kann ich es hören, oder darfs kein anderer wissen?
ÖDIPUS
Ja, doch. Es sagt einst Apollon mir nämlich,
Ich müsse mit der Mutter schlafen,
mit eigenen Händen den Vater erschlagen.
Deswegen bin ich lange von Korinth
Und weit hinweg geflohn, zu meinem Glück, jedoch - was gibt es Schöneres, als meiner lieben Eltern Augen noch zu sehen!
DER BOTE
Bist du aus Furcht davor von dort geflüchtet?
ÖDIPUS
Um nicht des Vaters Mörder selbst zu sein, o Alter!
DER BOTE
Hab ich dich nicht aus dieser deiner Furcht befreit, oh König, als ich mit der frohen Botschaft kam?
ÖDIPUS
Auch sollst du würdigen Dank von mir empfangen.
DER BOTE
Auch bin ich darum hierher gekommen,
Dass, wenn du heimkehrst, mir es wohl ergehe.
ÖDIPUS
Nie mehr will ich nah meiner Eltern leben!
DER BOTE
Mein Sohn, ich sehe, du weißt nicht was du tust.
ÖDIPUS
Wieso mein Alter? Bei den Göttern, sprich!
DER BOTE
Der Eltern wegen willst du nicht nach Hause gehen?
ÖDIPUS
Ich fürchte, dass Apollons Wort noch wahr wird.
DER BOTE
Dass Gräuel an deinen Eltern dich entehren?
ÖDIPUS
Das eben, Alter, dieses ist mein Schreckenstraum.
DER BOTE
Weißt du denn nicht, dass du dich unnötig fürchtest?
ÖDIPUS
Wie? bin ich denn das Kind nicht jener Mutter?
DER BOTE
Nein. Polybos war nicht von deinem Stamm.
ÖDIPUS
Was sagst du? zeugte Polybos mich nicht?
DER BOTE
Beinahe so sehr wie ich selbst.
ÖDIPUS
Wie das? Ein Vater, der kein Vater ist?
DER BOTE
Er war so wenig dein Vater, als ich selbst, oh König.
ÖDIPUS
Doch wieso nennt er mich sein Kind?
DER BOTE
Durch meine Hand empfing er als Geschenk dich.
ÖDIPUS
Und liebt mich trotzdem, der ich aus fremder Hand zu ihm kam?
DER BOTE
Die frühere Kinderlosigkeit hat ihn bewogen.
ÖDIPUS
Hattest du mich gekauft oder gefunden? Bist du selbst der Vater?
DER BOTE
Ich fand dich in Kithärons Waldschlucht.
ÖDIPUS
Was hattest du an diesem Ort zu schaffen?
DER BOTE
Ich hütete auf diesem Berg das Vieh.
ÖDIPUS
Warst du ein Hirte oder Tagelöhner?
DER BOTE
Ich war dein Retter, Kind, zu jener Zeit.
ÖDIPUS
Was hatt ich an mir, dass du mich als Leidenden erkannt hast?
DER BOTE
Die Fußgelenke mögen es an dir bezeugen.
ÖDIPUS
O mir! Woher weißt du von diesem alten Übel?
DER BOTE
Die durchbohrten Füße löste ich dir.
ÖDIPUS
Davon trag ich seither ein schändlich Zeichen.
DER BOTE
Von diesem Unfall blieb bis heute dir der Name.
ÖDIPUS
Bei den Göttern! Was hat es damit weiter auf sich?
DER BOTE
Ich weiß es nicht, der dich mir gab, wird es besser wissen.
ÖDIPUS
Empfingst du mich von andern, oder hast selbst du mich gefunden?
DER BOTE
Nein! Ein anderer Hirte fand und gab dich mir.
ÖDIPUS
Wer ist der? kannst du mir sagen wer es war?
DER BOTE
Er nannte sich, mein ich, Diener des Laios.
ÖDIPUS
Laios, der alte Herrscher dieses Landes?
DER BOTE
Ja, dieses Königs Hirte war der Mann.
ÖDIPUS
Lebt dieser noch, damit ich ihn sehen kann?
DER BOTE
Ihr Eingeborenen solltet dies am besten wissen.
ÖDIPUS
Gibt es unter euch, die ihr hier steht, einen,
der diesen Hirten kennt, von dem er spricht,
Dass er gesehn ihn auf den Äckern oder hier?
sagt es mir, ich muss ihn finden!
CHOR
Ich weißt sonst keinen, als jenen auf dem Lande,
Den du zuvor zu sehen schon verlangt hast,
Am besten doch kann es Jokaste sagen.
ÖDIPUS
Glaubst du, Weib, das er denselben meint, den wir soeben rufen ließen?
JOKASTE
Ach! Wen er auch meinte! Schere dich nicht darum. Verschwende nicht einen Gedanken an das Gerede.
ÖDIPUS
Wenn diese Zeichen schon bestehen, so will ich meine Herkunft ganz ergründen.
JOKASTE
Bei Göttern, nein! Wenn das Leben dir lieb ist, so lass das Forschen sein. Ich geh zu Grunde.
ÖDIPUS
Sei guten Muts! Und wäre ich von drei Müttern noch dreimal ein Knecht genannt, würdest du doch nicht an Würde verlieren!
JOKASTE
Dennoch folge meinem Rat, ich fleh dich an, tu es nicht!
ÖDIPUS
Das kann ich nicht, muss ganz genau wissen, was sich zugetragen hat.
JOKASTE
Ich mein es gut, ich sehe klar, und sage dir das Beste.
ÖDIPUS
Dies, euer Bestes ist es aber, was mich quält!
JOKASTE
O Armer, du solltest nie erfahren, wer du bist!
ÖDIPUS
Wird endlich jemand diesen Hirten rufen?
Und diese hier mit ihrer reichen Herkunft, lasst sie gehen!
JOKASTE
Weh! weh! Unglücklicher! Diese Worte kann ich noch zu dir sagen, aber nichts anderes mehr.
CHOR
Warum wohl ging die Frau des Ödipus,
in wilder Qual aufspringend? Ich hoffe, dass
diese plötzliche Stille kein Unglück bedeutet.
ÖDIPUS
Was immer wolle, brech hervor. Meine Ahnen will ich, sei'n sie auch ohne Rang und Namen, erfahren.
Mit Recht mag sie, im Stolze einer Frau, sich meiner armen Herkunft schämen.
Der Göttin Glückes Sohn will ich mich aber nennen, der wohlbegabten und darum nicht entehrt sein. Denn dies ist meine Mutter. Und ihre Kinder, die Gestirne waren mir Begleiter und führten mich durch Höhen und durch Tiefen.
Und auf diese Herkunft vertrauend will ich nicht eher ruhen, als bis ich ganz erforschet hab, woher ich stamme.
3. Stasimon (Chorlied)
CHOR
Wenn mein Verstand mich durch Erfahrung in die Zukunft blicken lässt,
Wirst, du Kithäron, beim Olympos!
Am morgigen Tag gepriesen werden,
dass du den Ödipus ernährt und nicht hast sterben lassen, als wär er dir verwandt.
Du bist so freundlich gewesen meines Landes Herrschern!
Auch dir, Apollon! sei dies gefällig.
Wer hat dich, Kind gezeugt von allen Seligen? Wars etwa Pan, der um die Berge zieht, oder war es Apollon, denn
Dem lieb sind all die
Ebenen des Landes und auch die Wälder und die Felsen, die Grotten und der Bergbach; oder Kyllenes Herrscher, oder etwa Dionysos, der Gott des Weines,
Der im hohen Gebirge wohnt,
Hat er als Fund dich bekommen von einer der Nymphen, mit denen er so gerne freche Spiele spielt?
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