Text/1/Prolog
Aus Ödipedia
TIRESIA
Am Anfang waren Alles und Nichts! Und Alles und Nichts waren Eins! Doch Nichts konnte Eins sein, wenn Alles Nichts ist! So wurde aus Eins Alles und Nichts trennte es!
Diese Geschichte beginnt in einem griechischen Lokal Namens Xanthis, benannt nach dem Ort wo die Gyrosbäume wachsen. Ein Sammelbecken für alle, die auf der Suche nach Wahrheit sind und sich - sagen wir - verlaufen haben. Ein alter, bärtiger Mann, mit unsauberen, langen, grauen Haaren, einem langen schwarzen Ledermantel und dreckigen Gummistiefeln stürzte gerade sein achtes Bier hinunter, als Ödipus, Sohn des Laios und der Iokaste, doch von jenen durch einen Diener ausgesetzt ob des Orakels des Pelops, die Füße verstümmelt, in Megara aufgezogen von Fremden, die Bar betrat. Ödipus wollte sich nach einem anstrengenden Tag einen angenehmen Abend gönnen, jedoch kam es anders.
ÖDIPUS
Oh, ihr Kinder der Stadt Theben,
Mit welcher Not kommt ihr zu mir?
Gebetszweige kränzen euer Haupt,
Auch ist die Stadt voll von Weihrauch,
Von Bittgesängen und von Wehklagen.
Das will ich nicht aus zweiter Hand
Erfahren, darum komm ich selbst hierher, ich,
Ruhmvoll von allen Ödipus genannt, der Schwellfuß.
Du Alter, rede, weil du würdig bist, in Volkes Namen Wort zu führen. Was bringt euch zu mir,
wars eine Sorge, wars ein Wunsch? Ich will euch gerne in Allem beistehn, denn herzlos wäre es, mich solchen Bitten zu verschließen.
Das hab ich übrigens auswendig gelernt. Bin noch nicht so gut in diesem poetischen Gerede wie das hier alle raushauen.
Ein Frisches bitte. Und 'nen Korn.
TRINKER
Jedz bass amal auf: mir ham Maasn, mir ham Seidla, und frisch is mei Biäh ah immer. Also wos moggsd?
ÖDIPUS
Dann bekomm ich so ein "Seidla", bitte. Und ein Ouzo fir meine beste Freunde!
TRINKER
Du bist doch der Ödipus?
ÖDIPUS
Genau der.
TRINKER
Klar, das hab ich gleich erkannt. Sieht man ja von weitem!
ÖDIPUS
Meine Füße sind mir pein--lich!
TRINKER
Ich bin jetzt sechsundneunzig. Neunundsechzig. Egal. Ich habe eine Mütze auf! Meine Eltern sind schon lange tot. Es ist wichtig, Eltern zu haben, die sich kümmern. Die einen wohl erziehen. Heute, da steckt man Kinder in eine Klappe und holt sie abends wieder ab, das hätte es früher nicht gegeben.
ÖDIPUS
Ach wirklich? Eine Kinderk-k-klappe?
TRINKER
Du hast es gut, dass du von liebevollen Menschen aufgezogen wurdest. Und das mit deinen Füßen!
ÖDIPUS
Es sind meine Eltern - ?
TRINKER
Haben sie dir das gesagt? Ich meine, haben sie dir nie erzählt, dass du adoptiert bist? Du musst wissen, ich war ihr Trauzeuge, ich weiß das alles. Es ist wohl zwanzig Jahre her, dass sie geheiratet haben.
ÖDIPUS
Adoptiert?
TRINKER
Die Grenzen der Sprache sind die Grenzen der Welt.
ÖDIPUS
Du armes Kind! Ich fühle mit dir, denn du bist krank wie alle hier!
Obwohl's keinem von euch so schlecht geht wie mir. Du hast vielleicht kleine Probleme mit dir selbst, fühlst dich zu dick oder zu dünn, hast eine krumme Nase oder Probleme mit den Hämorrhoiden. Man weiß es nicht und ich will es auch nicht wissen.
Denn meine Probleme reichen viel weiter! Wie ein mir bekannter Lyriker schon sagte: "Meine Seele klagt um die Stadt, um mich und dich zugleich. So weckt mich eure Ankunft nicht aus tiefem Schlaf – Ich war nicht tatenlos. Nein, ich habe viel geweint und bin umhergeirrt in großer Sorge."
Jedenfalls hab ich nach langen Überlegungen einen Plan gefasst:
Meinen Schwager Kreon sandte ich nach Delphi, damit er live und direkt das Orakel fragen kann, was ich tun oder sagen soll, um diese Stadt noch zu retten.
Ist aber echt schon lang weg, hoffentlich is' ihm nix passiert.
TRINKER
Allein, aufs Schönste fügt sich das! Ein Wort des Trostes sprachst du und eben sagen diese da mir Kreons Ankunft an.
ÖDIPUS
Siehst du: Jetzt wird alles wieder gut! So einfach geht das!
TRINKER
Er scheint vergnügt; er käme sonst nicht
So reich geschmückt mit Lorbeer.
ÖDIPUS
Gleich wissen wirs. Er ist gleich in Hörweite.
King Kool Kreon, sag es mir! Welch eine Nachricht bringst du von dem Gotte? Oder dem Hottentotte? Oder einer heiligen Motte?
DRAHTON
Grüß Gott! Ich bin ein sprechendes Fahrrad namens Drahton. Ring-Ring.
TRINKER
Ein sprechendes Fahrrad?! Ödipus, siehst Du es?
ÖDIPUS
Ich traue meinen Augen nicht...
DRAHTON
Gebt fein acht, ihr Alleholiker! Was das Fahrrad spricht, vergesst es nicht. Es wird in Zukunft euch noch nützen und euch vor großem Unheil schützen.
ÖDIPUS
Na dann mal los.
TRINKER
Ein Hoch auf das Fahrrad! Es ist offenbar ein Prophet!
DRAHTON
Schweiget! Bin weder Prophet, noch schöne Muse. Trage weder Hose noch Bluse. Doch eins ist gewiß, das sollt ihr erinnern, mit meiner Weisheit werdet ihr zu Gewinnern. Gehet hin von dannen und lauschet der Kunde, das delphische Orakel ist das Weise im Bunde.
ÖDIPUS
Drahton, sag mir nur eins: Bist du wirklich ein sprechendes Fahhrad? Oder bist Du nur ein Hirngespinst, entsprungen meiner Fantasie?
DRAHTON
Hast du es noch nicht verstanden, Ödipus?
ÖDIPUS
Was?
DRAHTON
Deine Fantasie IST ein sprechendes Fahrrad.
ÖDIPUS
... Wow... Tiiief...
ORAKEL (SPHINX)
Tod und Verzweiflung. Leben ist Leiden. Ich bin die weise Wahrsagerin und ich spreche Wahr! Bin ich nicht toll??
ÖDIPUS
Wer sind meine Eltern? Woher stamme ich? Wer bin ich?
ORAKEL (SPHINX)
Motherfucker! Du wirst deinen Vater erschlagen! Die dich gesäet wirst du pflügen. Der dich zeugte stirbt durch deine Hand oder Fuß oder so.
ÖDIPUS
Das darf doch nicht wahr sein. Oder doch? Diese Ungewissheit... ich halt das nicht aus!
ORAKEL (SPHINX)
Man soll des Landes Schandfleck, der in dieser Stadt weilt,
Vertreiben, denn er trägt unsühnbare Schuld.
ÖDIPUS
Welches Übel denn? Und wie soll es beseitigt werden?
ORAKEL (SPHINX)
Sei es durch Verbannung, oder dass wir seinen Mord mit Mord bestrafen. Sein Blut ist Schuld an der Seuche in der Stadt.
ÖDIPUS
Und wer genau war's denn nun?
TRINKER
Der König Lai OS-X?
ÖDIPUS
Hmja, den kenn ich jetzt nur so vom Hören, hab ihn nie gesehn. Was hat das jetzt damit zu tun?
TRINKER
Da Lai-OS-X ermordet wurde, will der Gott nun,
Dass man die Täter, wer sie auch seien, finde und bestrafe.
ÖDIPUS
Wo solln die sein?
TRINKER
In diesem Lande, sagt er. Was man sucht, das lässt sich finden.
Was man unbeachtet lässt, entflieht.
ÖDIPUS
Und wo genau liegt der damalige Tatort?
TRINKER
Den Gott um Rat zu fragen, so hieß es, ging er aus, und kehrte nicht mehr wieder.
ÖDIPUS
Keine Augenzeugen? Eventuell Begleiter oder auch Obdachlose? Aussätzige?
TRINKER
Sie starben, bis auf einen, der aus Furcht geflohen war. Dieser konnte nur eines mit Sicherheit sagen.
ÖDIPUS
Und was? Ein kleiner Anfang wäre schon mal eine Hoffnung.
TRINKER
Ihn hätten Räuber überfallen, sagt er,
Nicht einer, sondern viele seien es, die Hand an ihn gelegt haben.
ÖDIPUS
Ein dreister Mörder! Er muss von einem unter uns bestochen worden sein.
TRINKER
So schien es. Doch, der Mord an Lai OS-X wurde bis heute nicht gerächt.
ÖDIPUS
Ermittlungen wurden eingestellt? Was war denn das Problem bei den Nachforschungen?
TRINKER
Die Sphinx, mit ihrem rätselhaften Gesang, war unsere größte Not zu dieser Zeit. Alles andere musste im Dunkeln bleiben.
TIRESIA
Jede Sekunde des Lebens ist Entscheidung. Jede Entscheidung verursacht entweder neues Leid oder schiebt es auf. So kam es, dass Ödipus, Sohn des Laios und der Iokaste, Enkel des Labdakos, Neffe des Kreon, Bekannter des Sprechenden Fahrrads Drahton und des anonymen Trinkers, der rein zufällig der Trauzeuge von Ödipus Adoptiveltern war, Gefangener seiner Selbst, nach dem Besuch beim delphischen Orakel, am Weg stand, der sich gabelte.
ÖDIPUS
Links oder rechts? Hätte das Orakel mir doch gesagt, wie ich mich richtig entscheide!
TIRESIA
Ödipus verließ das Land, in dem er aufgezogen worden war, aus Angst, seinen Ziehvater zu erschlagen und seine Stiefmutter zu verführen.
ÖDIPUS
Ich verlasse das Land, in dem ich aufgezogen worden war, aus Angst, meinen Vater zu erschlagen und meine Mutter zu verführen.
Obwohl Sie durchaus 'ne heiße Schnecke ist. Aber sowas tut man ja nicht.
Wenn aber der olle Suffkopp Recht hat und diese nicht meine Eltern sind, so werde ich doch sicher meinen eigentlichen Eltern begegnen. Werde ich dann diesen Vater töten und diese Mutter entehren? Das ist schon ziemlich vertrackt jetzt.
Hat die Orakelsendung nun meine mir bekannten Eltern gemeint, oder die leiblichen? Oder schwatzte der Säufer gar dummdreiste Lügereien dardrein? Mein Kopf kommt kolossal ins Schwurbeln. Für solch Schwarbelschwurbel ist mein Verstand nicht vorbereitet.
Ach weh mir! Weh über mein Geschlecht! Weh über die Wehen des Windes, die mein weiches Antlitz umwehn! Doch wenn jene, die ich Eltern nannte, diesen Titel auch verdienen, so erschlag ich sie heimkommend. Das macht ja alles noch konfuser! Ach so manche Schwierigkeit haben die Götter uns Menschen aufgeladen. Muss nicht Sisyphos alltäglich schweren Fels in Mühe auf den Gipfel des Hügels bringen, wonach dieser wieder herabrollt? Weh! Die spinnen die Götter! Allbeisamm!
TIRESIA
Jetzt hat er schon fast alles verraten. Dann kann ich ja nun gehen.
KREON
Hab ich was verpasst?
ÖDIPUS
Alright then. It's time to shine and make a rhyme:
Von Anbeginn will ichs erforschen.
Denn treffend hast Apollon, du
vor bald zu rächen den Erstoch'nen
So sollt als Waffenbruder nur
ihr sehen mich, als Landesrächer
und Gottesrächer gar zugleich.
Nicht nur für Freunde voller Becher,
auch für mein eig'nes Seelenreich.
Denn welcher Laios tötete,
der will vielleicht an mir sich auch
vergreifen mit ner gift'gen Kröte
oder von seiner Hand gebrauch
tun, doch ich Steh dem Toten bei
Und nütze damit wohl auch mir.
Doch Kinder, kommet schnell herbei
nehmt diese Zweige fort von hier.
Sind Opferzweige, weiß ich wohl
bin ja nicht in der Birne hohl
Ein anderer versammle heute
das Volk, denn alles, liebe Leute,
werde ich tun, ich krasses Huhn
Mein Style ist derb und tight der Rhyme
bald wird es offenbar euch sein
ob dieser Gott sein Glück uns schenkt
oder den Untergang uns denkt!
YEAH!
PRIESTER
O Kinder! stehn wir auf. Denn darum kamen wir hieher, zu hören was uns nun verheißen wurde.
Und mög Apollon, der den Gottesspruch gesandt hat, als Retter kommen und das Leiden heilen.
Parodos (Einzugslied des Chores)
CHOR
Oh von des großen Zeus, heiliges Wort, wie lautest du wohl?
Vom goldgeschmückten Orakel in Delphi
kommst du ins glänzende Theben.
Ich bin aus Furcht schon sehr gespannt, vor Ängsten taumele ich.
Klagender Gott, Apollon, der uns heilen kann,
Ringsum dich fürchtend,
Wirst du mir ein neues Unglück bringen oder ein lang vergangenes erneut mir offenbaren?
Sag es mir! Du, der goldenen Hoffnung Tochter, der Unsterblichen, sprich.
Wer, wie, was!
Der, Die, Das!
Wieso, Weshalb, Warum?
Wer nicht fragt bleibt dumm!
Dich ruf ich als erste an,
Zeus Tochter, unsterbliche Athene,
Und die Schwester Artemis, die Landesschirmherrin, deren Thron inmitten des Marktes steht.
Und Apollon fleh ich an, Io! Io!
Ihr drei Todwehrenden! Erscheinet mir!
So wie ihr auch in früheren Tagen
das verzehrende Übel vertrieben habt,
das nach Verfehlungen über die Stadt gestürzt war,
So kommt auch jetzt, ihr Götter!
Wer, wie, was!
Der, Die, Das!
Wieso, Weshalb, Warum?
Wer nicht fragt bleibt dumm!
Ich trag' nämlich unzählig Übel
Und krank ist das ganze Volk.
Und keiner hebt die Waffe, um uns zu beschützen.
Was dem ruhmvollen Land entsprießt, trägt keine Früchte, und es erliegen alle Weiber den Wehen qualvoller Geburten.
Einen über den anderen aber kannst du sehen, dass er zum Himmel steigt als hätte wie ein Vogel Schwingen er, und stärker als ein unaufhaltsame Feuer bewegen sich die zahllosen Seelen zum Ufer des abendlichen Gottes, zum Hades, wodurch die Stadt jeden Tag mehr vergeht.
Die Schwachen aber, die Kinder liegen tödlich am Felde vor der Stadt und bleiben unbetrauert. Aber drinnen sammeln sich die alten Frauen und Mütter um die Altäre und flehen um Schutz vor dem grausamen Leid.
Tausend tolle Sachen
die gibt es überall zu seh'n,
manchmal muss man fragen,
um sie zu versteh'n!
Darum, o goldene
Tochter Zeus, heilvoll herabblickende, sende
Stärke. Und Ares, den zerstörerischen Kriegsgott, durch den das Land trotz Friedenszeiten im Tode brennt.
Ihn treibe rücklings aus dem Vaterland, zurück in fremde Länder oder Häfen.
Denn was die Nacht noch übrig lässt, verschlingt der Tag.
Diesen, oh du, gewaltiger Zeus, der in seinen Händen das Wetterleuchten formt! Vater! Verderbe diesen durch deinen Blitz!
Oh alle Götter die ihr über uns auch wacht, oh Artemis, oh Dionysos, mit euren Kräften, die euch einzigartig sind, schützt euer Volk vor diesem einen ungeheuern Gott, der ehrlos ist vor Göttern.
DER PRIESTER
Mein König!
Du siehst uns hier versammelt,
denn wie ein Schiff auf hoher See, schwankt diese Stadt im Sturm, und droht im Blutbad zu versinken.
Die Ernte ist dahin, die Tiere sterben und kein Kind erblickt mehr das Licht der Welt.
Vermessen wäre es, dich einen Gott zu nennen,
doch im Umgang mit den göttlichen Mächten, und auf Erden triffst du die Entscheidung, was zu tun ist.
In schweren Zeiten hast du dich bewiesen,
und uns von der Tyrannei der Sphinx erlöst, die über unsre Stadt Angst und Verderben brachte.
Ohne unseren Ratschlag, allein durch das Wirken eines Gottes, hast du uns gerettet.
Jetzt aber, König Ödipus, flehen wir dich demütig an,
uns erneut zu schützen.
Ob du dem Rat von Göttern oder Menschen folgst, ist uns gleich.
Richte die Stadt wieder auf, bedenke: Noch nennt das Land dich den Retter, für deine früheren Taten.
PÅL
Jag mår illa. Jag är lös i magen. Tro på mig! Klär jag i grönt?
Jag tycker om det ...
Jag mår pyton ugs! Jag är hemskt ledsen.
Öppnar dörren för mig! Jag måste gå ... måste dra nu.
Ha det så trevligt!
Weiter zur 1. Szene.
