Text/2/1.Szene

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Text

ÖDIPUS
Weh! Unter den Menschen ist keiner, der schlimmer leiden musste als ich, Armer!
Der ich zu Tage trat: Gezeugt, von wem es nicht sollt sein, verkehrt mit der es nicht sollt sein und
auch getötet als es nicht sollt sein! Unwissend stürzte ich mich und meine Liebsten ins Unglück.
Apollon! Lass mich endlich frei sein von diesem Schmerz!

CHOR
Bei deinen Worten wird mir Angst und Bang. Ein Mörder bist du?

ÖDIPUS
Den Vater tötete ich ohne zu wissen.

ANTIGONE
Und die Mutter ehelichte er in Unwissen. Mein Vater ist zugleich mein Bruder!
Mein Schwesterherz, die auch Schwester meines Vaters ist, hat die Schande nicht ertragen. Weh! Io!
Auf dem langen Weg hierher hat sie sich in Schleier gehüllt und uns verlassen.
Fortgehen wollte sie, dorthin, wo niemand ihren Namen kennt und die Schande sieht, die auf unserer Familie lastet. Ich alleine blieb, den blinden Vater zu stützen, denn als die Schande offenbar ward, blendete er sich selbst.
Verflucht hat er sich selbst und uns, doch Familienbande wirkt stärker.

ÖDIPUS
Ja, mein zartes Töchterchen. Der Tod der Mutter lastete auf ihr - und uns.

CHOR
Ich weiß nicht, ob ich alles verstanden habe. Von so viel Leid war die Rede, dass ich eurer Rede kaum folgen kann. Doch was ich verstehe ist, dass du Schande über dich und deine Familie brachtest. Und du schämst dich nicht, dir in unserer schönen Stadt Asyl zu erbeten?

ÖDIPUS
Ich bitte euch! Nicht meine Schuld war's. Der Götter Fluch hat mich verdorben! Unwissend war ich, als ich den Mann erschlug, der mich gezeugt hat und als ich die Mutter heiratete, sah ich nur die schöne Frau in ihr, die mein Herz berührte. Erst viele Jahre später entdeckte ich das furchtbare Geheimnis.
Ich trage keine Schuld an diesem.

CHOR
Doch nicht grundlos ist der Götter Strafe! Dulden und leiden muss man doch - um zu lernen!

ÖDIPUS
Ich habe mehr geduldet und gelitten als es ein Einzelner ertragen könnte.

CHOR
Doch sind wir - Horch, wer mag da kommen?

BOTE
Hört, ihr Menschen dieser Stadt! Ich bringe Nachricht aus dem siebentorigen Theben: Dort herrschten Eteokles und Polyneikes, die Zwillinge, gezeugt von Ödipus' Lenden, in kurzer Folge aus Iokastes Schoß hervorgegangen. Nach Ödipus Fortgang verband sie ein Vertrag. Jeder sollte ein Jahr im Wechsel über Theben herrschen. Doch Eteokles, von Gier geblendet, brach das Abkommen. Er jagte seinen eigenen Bruder gar aus der Stadt. Der Verstoßene aber sammelte voll tiefer Gram Verbündete, die seinen Grollen gegen Theben teilen. Nun steht eine Armee bereit, Theben zu zerstören. Die Brüder stehen gegeneinander. Das Blut ist ihnen nichts!

ANTIGONE
Scherzt nicht in ernsten Fragen. Meine Brüder, gegeneinander? Beschützer waren sie mir beide, lange Jahre, auch ihnen ist die Familie alles. Nie würden sie gegeneinander ziehen, also behaltet Eure Verleumdungen für Euch!

BOTE
Nie glaubt mir jemand. Aber diesmal kann ich es beweisen! Hier, seht dieses Foto, seht die Belagerung durch die Armee!

ÖDIPUS
Eine Armee steht bereit?! Von Polyneikes geführt, gegen Theben? Ach hört denn der Wahnsinn nie auf? Ich Armer!
Doch, wer wird Gewinnen? Im Zweifelsfall ich! Mein Buchmacher soll rasch herbeigeführt werden!
Eine Wette möcht' ich abschließen! Es scheint, mir wäre gut geraten, den schnöden Mammon in derlei zu investieren. Jubilare! Jubilare!

BOTE
Stille! Tacet! Quietus! Weiterhin ward ein Orakelspruch offenbar. Es ist verkündet, das an dem Ort, wo Ödipus verscharrt werde, das Glücke nimmermals enden mag. Stets voll der Muse und des Glückes sei die Stadt, in welcher Ödipus ruhen möge.

ÖDIPUS
Tatsächlich? Ich, ein Glücksbringer und Talisman?
Oh! Dies Wort darf nimmermals an fremde Ohren dringen, kein anderer darf es je hören. Man trachte mir nach meinem Atem sonst!
Welch grimmiger Gedanke dies doch ist. Töchterlein, du musst mir schwören und niemals deinen Schwur mir brechen! Nimmermals sollst das soeben gehörte du verlautbaren, nie es aussprechen, damit du nicht durch meinen Tod noch Schuld auf dich lädst.

ANTIGONE
Bei der Ehre meinerselbst, oh heißgeliebter Vater! Nie werd ich sprechen, schweigen auf ewig.

DRACHE
Grüßt euch! Ich bin Drache, der Drache. Ich suche den Weg nach St. Georg.

ANTIGONE
Drache Drache, dies ist Athen. Kolonos. Oder die Nähe davon. Hier wirst Du St. Georg nicht finden. Nach Hamburg sollt' dein Schicksal dich leiten!

DRACHE
Mein Schicksal?! Ach nää. Und ich hab' hier auf's Navi vertraut...

Der Drache Drache erblickt Ödipus.

DRACHE
Hach, was ist denn das für ein süßer Käfer?!

ÖDIPUS
Ich bin Ödipus, voller Gram.

DRACHE
Hach, und ich bin Drache, der Drache. Du bist aber ein gar allzu hübscher Anblick, mein Lieber.
Wie wäre es?! Du zeigst mir ein wenig die Stadt und hinterher trinken wir einen Café Latte?

ÖDIPUS
Nein, danke, kein Bedarf. Desferneren wollte mir die Botin noch etwas erzählen!

BOTIN
Horcht auf, denn das Orakel, es sah voraus, dass Kreon erscheinen wird.
Er wird Ödipus einen Brief bringen. Eine Einladung folgt daraus. Er soll nach Theben kommen, nach Hause, wo er glorreich empfangen werde. Alle Sorgen sollen vergessen sein. Soviel sei gewiss.

Während die Botin erzählt, stupst Drache Antigone an.

DRACHE
Hör mal Du, ist der dufte Typ da vergeben?

ANTIGONE
Nein, nachdem offenbar ward, dass er den Vater getötet und die Mutter geehelicht hatte, trank diese den Schierlingsbecher und stürzte sich ins Schwert. Sie erhängte sich - nun ist er Witwer.

DRACHE
Hach, do, so ein wilder Drrrraufgänger. Jetzt wird mir aber ganz anders. Den muss ich haben. Alle sollen wie Krabben seitlich laufen, aber vor allem du, Ödipus. Dann hab ich nen besseren Ausblick auf die wichtigen Stellen. Hui.

ANTIGONE
Ene mene Mausespeck, der olle Drache ist jetzt weg. Hexhex.

ÖDIPUS
Wo ist der Drache auf einmal hin?! Nun ja, egal.
Ja, und doch: Ich muss es sagen: ES IST UNGERECHT!
Man vertrieb mich zu einer Zeit aus Theben, als die Zeit, zu der ich
den Vater im Unwissen tötete und die Mutter im Unwissen ehelichte, schon
allzu lang vorüber gewesen war. ES IST UNGERECHT, UNGERECHT, UNGERECHT!

SPHINX
Sauf, sauf, sauf, für die Eumeniden, sauf!

ÖDIPUS
Ich habe keinen Durst, doch ein Trankopfer muss sein.
Ich denk' nicht lange nach, ich kipps mir einfach rein.

SPHINX
Sauf, sauf, sauf, für die Eumeniden, sauf!

CHOR
Was war mit Iokaste und Laios?

ÖDIPUS
Keine Ahnung. Ich bin besoffen.

SPHINX
Sie begattetest Du und ihn ermordetest du!

ÖDIPUS
Lüge, Lüge!

Theseus kommt.

THESEUS
Seid gegrüßt!

ÖDIPUS
Da ich des Todes geweiht, nimm' meinen Körper als Geschenk und gewähre
mir Asyl. Mein Leben ist Dein und außerdem sagte die Botin, dass es
jeder Stadt Glück bringen würde, wenn ich dort darniederliegen würde.
Die Vorteile überwiegen.

THESEUS
Die Botin, hm?

ÖDIPUS
Ja. Nehmt mich auf.

THESEUS
Okidoki.

Einzug der Sphinx

CHOR
So ein fluchbeladener Mensch hat noch nie unsere Stadt betreten. Wir fürchten um Athen.

SPHINX
Dazu habt ihr auch allen Grund!

CHOR
AHH! Was für eine Bestie bist du? Bist du gar die Sphinx, die in Theben wütete und von eben jenem schicksalsgeschlagenen Ödipus besiegt wurde?

SPHINX
Erinnert mich ja nicht daran, da hab ich nur mal kurz nicht aufgepasst.

CHOR
Was treibt dich her? Willst du nun auch unsere Stadt belagern?

SPHINX
Na, eigentlich bin ich hinter Ödipus her, aber wo ich schon mal hier bin...

CHOR
Weh! Ein zweifaches Unglück bricht über unsere Stadt hinein.

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