Urtext/4.Szene
Aus Ödipedia
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Ödipus
Darf ich, auch wenn es nur Vermutung ist,
Ihr Alten, etwas sagen? Ich glaube, dort den Hirten zu erblicken, den wir so lang gesucht.
Denn sein hohes Alter stimmt überein mit dem des Boten hier. Und überdies erkenn ich meine Diener als jene, die ihn führen. Doch bist vielleicht an sicherer Kenntnis mir voraus,
hast du ihn nicht schon früher einst gesehen?
Chor
Ich kenn ihn wohl, damit dus weißt. Wenn es bei Laios einen treuen Diener gab, so war es dieser Hirte.
Ödipus
Dich frag ich erst, den Fremden von Korinth,
Meintest du diesen, der da kommt?
Der Bote
Ja, Denselben, den du anblickst.
Ödipus
Du Alter hier, sieh her und sage mir: Warst du für Laios einst hier im Hause tätig?
Der Diener
Sein Diener war ich, nicht gekauft, im Haus erzogen.
Ödipus
Und wie warst du beschäftigt? Was war dein Beruf?
Der Diener
Hirte war ich, die längste Zeit meines Lebens.
Ödipus
Wo lebtest du zu dieser Zeit?
Der Diener
Kithäron war es und das umliegende Land.
Ödipus
Sieh diesen Mann hier an und sage, weißt du nicht, wo du ihn getroffen hast?
Der Diener
Zu welchem Anlass? von welchem Manne sprichst du überhaupt?
Ödipus
Von diesem da! Warst du einst mit ihm befreundet?
Der Diener
Ich weiß es aus dem Gedächtnis nicht zu sagen.
Der Bote
Das ist kein Wunder, doch ich erinnere mich wohl an den Fremden, weiß auch wohl, dass er es noch weiß, wie auf den Weiden des Kithärons unsere Herden sich begegneten (er war mit zweien, ich mit einer dort). Und wie wir jeweils vom Frühling bis zum Herbst drei halbe Jahre gemeinsam dort lebten. Ich trieb, sobald es Winter wurde, meine Herde fort in meinen Stall, er seine in den Hof des Laios.
Sag ich die Wahrheit oder nicht?
Der Diener
Du sagst die Wahrheit, doch es ist freilich lange her.
Der Bote
Nun sage mir, weißt du noch, wie du mir ein Kind gabst, dass ich aufziehen sollte als mein eigenes?
Der Diener
Was soll das? Warum sprichst du von der Geschichte?
Der Bote
Der hier mein Freund, ist das Neugeborene von damals.
Der Diener
Du bist des Todes! Willst du nicht schweigen?
Ödipus
O tadle ihn nicht, Alter! Die Worte, die du aussprichst sind noch beschämender als seine!
Der Diener
Was, oh König, habe ich denn verbrochen?
Ödipus
Du nennst das Kind nicht, von dem er hier spricht!
Der Diener
Er spricht davon, doch weiß er nicht, wie es dazu gekommen ist.
Ödipus
Wenn du es nicht im Guten sagst, so sollst du unter Tränen sprechen.
Der Diener
Bei den Göttern, bestrafe mich alten Mann nicht!
Ödipus
Bindet ihm gleich die Arme auf den Rücken!
Der Diener
Wofür? Ich Armer! Was willst du denn wissen?
Ödipus
Gabst diesem du das Kind, von dem er spricht?
Der Diener
Ich gabs. Wär ich nur umgekommen an dem Tag.
Ödipus
Heut wird dein letzter sein, wenn du nicht gleich die Wahrheit sagst!
Der Diener
Viel eher wenn ich rede.
Ödipus
Der Mann, so scheint es, sucht den Aufschub!
Der Diener
Nein! Ich sagte längst, dass ich es tat.
Ödipus
Wo nahmst dus her? War es dein eignes oder ein fremdes Kind?
Der Diener
Es war nicht meines, ich empfing es von fremder Hand.
Ödipus
Von welchem Bürger hier? Aus welchem Haus?
Der Diener
Bei den Göttern, oh König, forsche nicht weiter!
Ödipus
Wenn ich noch einmal fragen muss, sollst du verloren sein!
Der Diener
In Laios Haus wurde das Kind gezeugt.
Ödipus
War es von ihm ein Diener oder ein Verwandter?
Der Diener
Oh! Oh! Es führt kein Weg vorbei! Ich muss das Schreckliche sagen!
Ödipus
Und ich es hören! Wider willen.
Der Diener
Von Laios wurde er Sohn genannt, doch deine Frau, drinnen, mag es dir am Besten sagen.
Ödipus
War sie es, die das Kind dir gab?
Der Diener
Jawohl, mein König.
Ödipus
Um was damit zu tun?
Der Diener
Ich sollte es ermorden.
Ödipus
Wie war die Mutter denn zu solcher Tat auch fähig?
Der Diener
Aus Furcht vor einer üblen Prophezeiung.
Ödipus
Und welcher?
Der Diener
Das Kind töte den Vater eines Tages.
Ödipus
Wie kam es dann, das du dem Alten hier den Knaben gabst?
Der Diener
Mitleid brachte mich dazu. Ich dachte, oh König, er würde es in das fremde Land, woher er selbst war, bringen.
Er rettete dich, aber es ist ein Jammer, denn, bist du das Kind, dass dieser meinte, so bist du verflucht.
Ödipus
Io! Ai! Alles tritt nun klar zu Tag!
O Licht! dich seh ich nun zum letzten Mal!
Der ich zu Tage trat: Gezeugt, von wem es nicht sollt sein, verkehrt mit der es nicht sollt sein und auch getötet als es nicht sollt sein!
4. Stasimon (Chorlied)
Chor
Io! ihr Geschlechter der Sterblichen!
Wie scheint ihr doch dem Nichts zu gleichen.
Denn welcher Mensch erlebt mehr Glück,
als ihm der Schein vorgaukelt
und wer ihm Schein lebt, wird untergehen.
Da ich dich zum Beispiel habe
Und deinen Fluch, Ödipus, oh Armer!
Preis ich der Sterblichen keinen glücklich.
Du hattest über alle Maßen Glück, denn du bist durchaus reich geworden,
und du erschlugst, beim Zeus! die wahrsagende Jungfrau, die schreckliche Sphinx.
Du hast dich in unserem Lande gleich einem starken Turm gegen den Tod gestellt, weswegen du zum König ernannt worden bist, und hoch geehrt wirst, im großen Theben regierend.
Wo hört man aber jetzt von einem, der
elender lebt als du? Wer ist dem Leid mehr vertraut, wer kennt wildere Qualen?
Io! des Ödipus erlauchtes Haupt!
Dem groß genug ein Hafen schien,
Als Sohn in ihm mit dem Vater,
Dem hochzeitlichen, zu fahren,
Wie konnte der Fluch des Vaters dich so weit, bis hierher bringen?
Gegen deinen Willen hat dich die Zeit entblößt, die alles hervorbringt
Sie verurteilt die Ehe der Mutter mit dem Sohn, von ihrem Ursprung her
Io! des Laios Kind!
Hätt ich doch nie dich gesehn!
Ich jammre nämlich, über alle Maßen
mit meinem Munde.
Um das Rechte zu sagen: Ich atme auch auf, durch dich, der du mein Auge zur Ruhe gebracht hast, denn der Fluch der auf dem Lande lastet ist erforscht.
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