Urtext/5.Szene
Aus Ödipedia
Zurück zur 4. Szene.
Der Bote
O ihr, die ihr schon immer hier im Lande am meisten geehrt werdet, von welchen Taten werdet ihr noch hören, was sehen und welchen Jammer anstimmen, wenn ihr dem Hause des Laios weiterhin verbunden bleibt?
Denn nicht die größten Flüsse unseres Landes werden dieses Haus von Schuld reinwaschen, so viele Übel verbirgt es. Ein anderes Schlimmes wird bald ans Licht kommen, ob selbst verschuldet oder nicht. Am Schmerzlichsten ist allerdings selbst erwähltes Leiden.
Chor
Das, was wir wussten, ließ uns schon jammern - was ist denn schlimmer noch, als das was so schlimm ist?
Der Bote
Schnell ist es ausgesprochen und zugleich gehört, das schwere Wort: Tot ist sie, am Boden liegt Jokastes göttlich Haupt.
Chor
Unglückliche! Wie das?
Der Bote
Sie starb von eignen Händen. Doch das schlimmste der Tat entging euch, denn ihr habt sie nicht gesehen. Doch sollt ihr, soviel mir davon im Gedächtnis blieb, das Leiden der mit dem Tode ringenden erfahren.
Im Zorn stürzte sie vom Hof ins Innere, lief schnell zum ehelichen Bett und riss mit beiden Händen sich die Haare aus.
Als sie die Türe hinter sich geschlossen hat,
Ruft sie den Laios, der schon lange tot ist, gedenkt der alten Ehe, deren Sprössling ihn erschlug, sodass er sie, die Mutter als Erzeugerin unseliger Kinder aber übrig lasse.
Sie verflucht ihr Bett, wo die Unglückselige beides, den Mann vom Mann und Kinder von dem Kinde sich gebar.
Und wie sie daraufhin umkam, das weiß ich nicht mehr.
Denn schreiend stürzte Ödipus herein,
Vor dem man nicht ihr Unglück sehen konnte.
Auf ihn allein, der wild umherging, blickten wir. Und wütend verlangt er nach dem Speer und danach zu wissen, wo er sein Weib – nein nicht sein Weib – seine Mutter finde, von der er selbst und seine Kinder stammen.
Dem Tobenden wies wohl ein Gott den Weg, denn von den Männern, die anwesend waren, keiner.
Mit einem Schrei sprang er auf zur Doppeltür, er sprengte ihre Riegel und stürzte ins Gemach.
Dort konnten wir die Frau hängen sehn.
Er, wie er sie sieht, schreit gräulich auf, der Arme löst das hängende Seil und auf die Erde fiel die Unglückselige.
Darauf, was für ein Anblick, schrecklich!
Die goldenen Spangen, mit denen ihr Gewand geschmückt war, riss er ab und erhob sie
Und stach ins Helle seiner Augen sich und sprach (so ungefähr) es sei, damit diese nicht mehr sehen sollten was er erlitten, noch was er getan, oder die, die er gezeugt hat. Sondern in Finsternis schauen, die er nicht sehen dürfte, sollten sie. Die Kinder, die er kennen möchte, möchte er nicht mehr erkennen.
Und so frohlockend stieß er öfters, nicht nur einmal, Die Wimpern oben haltend zu und die blutigen Augäpfel färbten ihm den Bart, und Tropfen – nicht rot, so wie von Mord vergossen, sondern schwarz, rieselten herab. Das Blut ergoss sich, in einem schwarzen Strom herab,
Aus einem Paare kam es, aus einem Übel, zusammen erzeugt von Mann und Weib.
Groß war in früheren Tagen ihr Glück. Aber jetzt, an diesem Tage, fehlt von Jammer, Elend, Schande, Tod, von allem Leid, wie man es auch nennt, kein einziges.
Chor
Fand nun der Arme in der Qual ein wenig Ruh?
Der Bote
Er schreit, man soll die Tore öffnen, damit man ihn dem ganzen Volk der Stadt offenbare – als Vatermörder und der, der die Mutter – hier spricht er etwas Unheiliges, das ich nicht sagen darf.
Sich selbst verbannen will er aus dem Lande, will so durch den eigenen früheren Fluch verflucht nicht mehr in seinem Hause wohnen.
Der Stärke nun und einem, der ihn führt,
Bedarf er, denn zu groß ist, seine Krankheit, dass er sie ertragen könnte.
Er wird dir das auch selber zeigen, die Riegel dieses Tores öffnen sich und einen Anblick wirst du vielleicht sehn, dass sich sogar ein Feind erbarmen muss.
Chor
O schrecklich zu sehen ein Schmerz für Menschen,
O schrecklichster von allen, die ich schon getroffen habe. Welcher Wahnsinn, o Armer!
Hat dich ergriffen? Welcher tobende Gott lässt dir dieses größte aller Schicksale aufs Haupt fallen?
Ach! ach! du Armer, ansehn kann
Ich dich nicht, vieles will ich sagen,
Viel dir raten, viel erwägen,
Solch einen Schauder weckst du in mir.
Ödipus
Weh! Weh! Weh! Weh!
Ach! ich Unglücklicher! Wohin auf Erden führt mich jetzt mein Weg? Wer empfängt noch meine Worte? Io! Dämon! wo stürmet mein Schicksal?
Io! Dämon! wo reißest du mich hin?
Chor
In Gewaltiges, Unerhörtes, nie Gesehenes!
Ödipus
Io! Nachtwolke, Dunkel das jetzt um mich ist! Du furchtbares, Umgebend, unaussprechlich, unbezähmt, Unüberwältigt! o mir! o mir!
Schmerzvoll überkommt mich dieses Unglück und die Erinnerung.
Chor
Es ist in solch einem Unglück kein Wunder, dass du zweifach jammerst, zweifach Übel beweinst!
Ödipus
Io, Lieber, Einziger der mir noch bleibt, mein Begleiter!
Denn jetzt noch stehst du zu mir, umsorgst den blinden Mann. Ach! Ach!
Denn nicht verborgen bist du mir,
obgleich im Dunkeln ich wandele, kenne ich deine Stimme.
Chor
O der du tatst Gewaltiges! wie konntest du
Dein Augenlicht so schänden, welcher Dämon trieb dich dazu?
Ödipus
Apollon wars, Apollon, o ihr Lieben,
Der dieses Leid an mir bewirkte. Ich tat es aber selbst,ich Armer! Kein Anderer hat Hand an mich gelegt. Denn was nützt mir mein Augenlicht, wenn es für mich nichts Schönes mehr zu sehen gibt!
Chor
Es war genau so, wie du sprichst.
Ödipus
Was hab ich noch zu sehen und zu lieben,
Was Freundliches zu hören? ihr Lieben!
Führt mich geschwind aus dieser Stadt,
Schritt vor Schritt den eitlen Mann, mich Unwürdigen, den Verfluchtesten und den von allen Menschen die Götter am meisten hassen!
Chor
Du selbstverschuldet und durch Fluch unglücklich gewordener, ich wünschte, dass ich niemals dich gekannt.
Ödipus
Verflucht sei, wer es war,
der mir einst die Füße löste und mich im rauhen Tal vom Tode rettete.
Nicht dankbar war diese Tat!
Denn wäre ich damals gestorben, hätte ich niemals solchen Kummer über meine Liebsten und über mich selbst gebracht!
Chor
Das wäre auch mein Wunsch!
Ödipus
Ich hätt an meinem eignen Vater keinen Mord verübt, noch wäre ich der Bräutigam geworden,von der, die mich zur Welt gebracht hat.
Jetzt aber bin ich gottverlassen. Der Sohn Unreiner Eltern, Und eines Geschlechts mit denen, wo ich selbst Herstammte, ich Armer. Gäb es ein Übel, über allen Übeln, Empfing es Ödipus.
Chor
Ich kann nicht sagen, dass du gut beraten warst,
Denn besser wärs, du lebtest nicht, als blind.
Ödipus
Da dies auch nicht zum Besten dienen sollte,
So unterweise du mich nicht und erteile keinen ach so klugen Rat. Denn wenn ich einst herabsteige ins Haus des Hades, wüsst ich nicht, wie ich den Vater ansehn sollte, Und auch die arme Mutter. Für das, was ich den beiden grausam angetan hab, verdiene ich noch Schlimmers als gehängt zu werden!
Der Kinder Angesicht war lieb mir anzusehen, zu schauen wie sie aufgewachsen. Das soll ich nie mehr sehen! Und meine alten Augen
sollen Stadt und Turm, und Götterbilder nicht mehr schauen, die heiligen, worum ich armer Mann, der groß in Theben lebte, mich selbst gebracht hab!
Denn selber sagte ich dem Volk, den Frevler auszustoßen,
Der durch der Götter Spruch als unheilig erkannt wurde, selbst wenn er zur Verwandtschaft unseres Königs zählt.
Da meinen Schimpf ich also selber kundgetan,
Sollt ich mit graden Augen dieses sehn?
Mitnichten. Und gäbe für die Laute, die durch die Ohren dringen es ein Schloss, ich hielt es nicht zurück, um meinen armen Leib damit vollends zu verschließen, Dass blind ich wär und taub.
Denn süß ist es, wo Denken abgeschieden ist von allen Übeln.
Io! Kithäron! warum hast du mich aufgenommen? Und hast mich nicht sofort getötet, damit ich Menschen nie verraten hätte, wer ich bin?
O Polybos in Korinth, ihr väterlichen,
Ihr altgerühmten Häuser, wie konntet ihr mich nur so schön erziehen, vor Übeln wohlverborgen?
Jetzt werd als schlecht ich angesehen, als Sohn der Schlechten!
O ihr drei Wege! du verborgner Hain,
Du Wald und Winkel an der Gabelung, wo
Von meinen Händen ihr mein Blut, des Vaters Blut, getrunken, habt, gedenkt ihr meiner? was ich getan hab, als ich bei euch war und dann, als ich hierher kam, was ich dann tat?
o Ehe, Ehe!
Du hast mich hervorgebracht. Und da du mich hervorgebracht, so ließest du denselben Samen nochmals aufgehen, und zeugtest Väter, Brüder, Kinder, von einem Stamm, verwandtes Blut, bei Jungfraun, Weibern, Müttern, und soviel Schande noch entstehe unter Menschen.
Doch niemals spricht man aus, was auch zu tun als unschön gilt.
So schnell wie möglich, bei den Göttern, begrabt mich draußen irgendwo, tötet oder werft
Ins Meer mich, wo ihr mich nie mehr seht.
Kommt! Scheut nicht zurück, den Unheiligen zu berühren. Folget mir! Habt keine Furcht! Denn mein Leid ist so gemacht, dass außer mir kein anderer Mensch es tragen kann.
Chor
Für deinen Wunsch ist eben Kreon da,
Zu handeln und dein Urteil auszusprechen. Denn er ist allein, statt dir, als Landes Herrscher übrig.
Ödipus
O mir! Wie sprech ich diesen an?
Welch Recht auf sein Vertrauen hätt ich noch?
Nachdem sich zeigte, dass ich ja im Unrecht war, in Allem was ich gegenüber ihm gesagt habe?
Kreon
Nicht als ein Spötter komme ich, Ödipus,
Noch um über das zu sprechen, was ich einst von dir erlitt.
Auch wenn ihr euch nicht schämt euch Sterblichen zu zeigen, so ehrt doch die lebensspendende Sonne, Zeichen des Gottes Helios!
So ein Unheil, dass weder der Erde, noch heiligen Regen noch dem Licht gefällt, darf man nicht unbedeckt zeigen.
Führt ihn deshalb geschwind hinein ins Haus,
Denn nur bei Verwandten ziemt es sich, des eigenen Stammes Übel zu sehen und zu hören.
Ödipus
Bei Göttern! da du mir die Angst genommen,
Du, Bester, bist zum Schlechtesten gekommen,
Gewähre mir noch eins, zu deinem, nicht zu meinem Heil.
Kreon
Was ist dein Wunsch, worum bittest du so sehr?
Ödipus
Wirf aus dem Lande mich, so schnell du kannst,
Wo ich mit Menschen nicht mehr reden kann.
Kreon
Schon wärs geschehn, glaube mir, wenn ich nicht erst vom Gott erfahren wollte, was am Besten zu tun sei.
Ödipus
Doch kennen wir sein Wort schon längst,
er will des Vatermörders, will des Frevlers Tod!
Kreon
So lautete sein Spruch. Doch in diesem Falle, ist es besser nochmal zu hören, was zu tun sei.
Ödipus
So wollt ihr um den schon verlornen Mann noch forschen?
Kreon
Du wirst doch wohl dem Gott jetzt dein Vertrauen schenken?
Ödipus
So schreib ich es dir vor und bitte dich,
Bestatte diese, in dem Haus, und schaffe ihr ein Grab, so wie du willst. Denn du wirst Recht vollbringen an der Schwester.
Jedoch mich lebend zu empfangen, die Mühe sei der väterlichen Stadt nicht angetan!
Sondern lass mich auf den Bergen wohnen, in Kithäron, den die Eltern mir zum Grabmal auserkoren, zu Lebzeit noch, dass ich durch diese sterben sollte, die Fluch über mich brachten!
Doch weiß ich wohl, dass keine Krankheit mich verderben wird und nichts sonst mich zerstören; vom Tode nicht errettet, sondern für schweres Leid ausgesehen, soll mein Schicksal mich führen, wohin es mag.
Für sie, die Kinder, für die männlichen,
sorge, Kreon, nicht für mich. Sie sind Männer. Trag Sorge, dass sie niemals Mangel haben werden, wo immer sie im Leben sind.
Doch meine armen, mitleidwürdigen Töchter, die niemals an gedeckten Tisch sich setzten, ohne dass ich bei ihnen war. Nein, von den Dingen, die ich selbst berührte, hatten sie gleichen Anteil, stets.
Nimm du dich allzeit ihnen an.
Und erlaube mir, sie mit den Händen zu berühren und das Unglück zu beweinen.
Geh, o mein König!
Geh, du aus edlem Stamm! Halt ich sie im Arm,
wird es wohl sein, als hielt ich sie, wie damals, als ich sehend war.
Was sag ich?
Hör ich, bei allen Göttern, nicht die Lieben, und wie sie um mich weinen? Erbarmend schickt
Kreon sie zu mir, die liebsten meiner Kinder.
Hab ich nicht recht?
Kreon
Das hast du, und ich bringe sie zu dir.
Ich weiß, sie waren immer deine größte Freude.
Ödipus
Gesegnet seiest du, und auf diesem Weg
mag dich ein Gott bewahren, besser als er mich bewahrte.
O Kinder, wo seid ihr? kommt hierher, kommt
Zu meinen brüderlichen Händen, die euch aufgezogen, sodass ihr eurem Vater eine Augenweide wart, als er noch sehen konnte.
Der Vater, der, nichts ahnend und unwissend Vater wurde, an dem Leib, dem selber er entstammt.
Beweinen muss ich euch, kann ich euch auch nicht ansehn, wenn ich eures bittren Lebens Rest gedenk, Und welche Schmach ihr von den Menschen werdet leiden müssen.
In welchen Kreisen lassen euch die Bürger zu?
Zu welcher Feier, wo ihr weinend nicht
Nach Hause geht, statt mit den Festtagsreihen?
Doch wenn ihr nun zum Gipfel kommt der Hochzeit, wer wird es sein? Wer nimmt die Schmähungen auf sich, die so wie über meine Eltern auch über euch kommen?
Denn welches Übel kam nicht über euch? Euren Großvater ermordete der Vater, die Mutter pflügte er, von der er selbst gesät war.
Und mit derselben zeugte er euch, von der er selber stammte. So wird man euch beschimpfen.
Und so, wer mag um eure Hand anhalten? keiner wird es tun!
Ihr Kinder, sondern ihr werdet jungfräulich vergehen und ohne Hochzeit.
O Kreon, Sohn Menökeus! Aber, da du allein
Als Vater ihnen übrig bist, denn wir,das Paar, das sie gezeugt hat, sind vergangen,
Verachte du nicht diese armen, die deinem Stamm so nah verwandt sind, lass sie nicht irren männerlos. Und lass sie nicht das gleiche Leid erfahren, das mich traf. Nein, hab Erbarmen, wenn du sie, die noch so jung sind, ansiehst.
Sie sind gänzlich verlassen, es liegt an dir!
Versprich es, Edler! reich mir deine Hand!
Euch Kindern, wollte ich so viel noch sagen, wenn euer Verstand es schon begreifen könnte. Jetzt betet, und ich bete das für euch, das ihr sollt leben, wo immer ihr seid doch das dies Leben, eures, freudiger sei, als jenes, als das des Vaters, welcher euch gezeugt hat.
Kreon
Genug! Wozu bringt dich der Schmerz sonst noch?
Gehe nun hinein ins Haus!
Ödipus
Folgen muss man dem Herrscher, wenn es auch keine Freude bringt.
Kreon
Alles ist gut, zur rechten Zeit.
Ödipus
Weißt du, was ich nun will?
Kreon
Sprich es aus, dann weiß ich es.
Ödipus
Sende mich fort aus der Heimat.
Kreon
Das hängt vom Wort des Gottes ab.
Ödipus
Doch bin ich verhasst den Göttern.
Kreon
Darum erfüllt sich dein Wunsch sicher bald.
Ödipus
Rufst du es jetzt wohl aus?
Kreon
Was ich nicht denke, spreche ich niemals blindlings aus.
Ödipus
Nun, so führe mich hinweg.
Kreon
Nun gut, geh! Nur lass die Kinder hier!
Ödipus
Nimmermehr entreißest du mir diese!
Kreon
Maße dir nicht alles an,
Was dir im Leben Glück gebracht, sollst du im Tod erst wiedersehen.
Exodos (Auszugslied des Chors)
Chor
Ihr Bürger Thebens, sehet diesen Ödipus,
Der berühmte Rätsel löste, der der höchste Mann im Land war,
Dessen Glück die Menschen alle priesen und beneideten.
Wie hat das Schicksal ihn jetzt ergriffen, und gepackt und geschüttelt auf wilden Wegen.
Darum schauet hin auf jenen, der auf seinen letzten Tag hin lebt.
Preiset glücklich keinen, der kein Schmerz und Leid erfahren hat, ehe ihm nicht das Lebensende kommt.
